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15.07.2019

Eine virtuelle Reise durchs Leben

Das Internet macht’s möglich: Im Caritaszentrum Rheydt ging Bewohner Josef Sigg auf eine virtuelle Erinnerungsreise durch sein Leben. Gerade demente Menschen profitieren von der modernen Technik.

Lars Zachowski gibt einen Suchbegriff bei Google ein, klickt ein paarmal mit der Maus an seinem Notebook, dann wirft der Beamer ein Satellitenbild an die Wand. Sehr deutlich sind ein paar Häuser und Höfe zu erkennen, inmitten von Grünflächen und Feldern. Josef Sigg deutet lächelnd auf die Aufnahme: „Da bin ich geboren, in Adriatsweiler, auf einem kleinen Bauernhof“, ruft er aufgeregt. Er hält kurz inne. „Mein Gott, ist das lange her“, sagt er dann.

Josef Sigg ist 85 und lebt im Caritaszentrum Rheydt. Mit 19 ist er nach Mönchengladbach gekommen, 1953 war das. Zuvor hatte er in Adriatsweiler, einem Ortsteil der damaligen Gemeinde Großschönach in der Nähe des Bodensees, seine Gesellenprüfung als Zimmermann gemacht. „Wir waren fünf Kinder zu Hause, da wurde es auf unserem kleinen Bauernhof mit ein paar Hühnern, Kühen und Feldern zu eng“, berichtet er. Und da eine Tante im Mönchengladbacher Kamillianer-Krankenhaus als Nonne arbeitete, entschied er sich für die Stadt am Niederrhein.

Erinnerungsreise_im_Caritaszentrum_Rheydt

„Da bin ich geboren“ – Josef Sigg (rechts) erkennt auf dem Satellitenbild sein Elternhaus wieder. Lars Zachowski und Bernadette Engel gingen mit dem Bewohner des Caritaszentrums Rheydt auf eine virtuelle Erinnerungsreise via Internet.
 

Jetzt sitzt er gemeinsam mit Lars Zachowski und Bernadette Engel vom Sozialen Dienst des Caritaszentrums Rheydt in einem Besprechungsraum der Einrichtung und unternimmt eine virtuelle Reise durch sein Leben. Zachowski (51), Inhaber der Kommunikationsagentur Phosphon, hatte die ungewöhnliche Aktion während des Mönchengladbacher Marktplatzes „Gladbach gewinnt“ der Katholischen Liga im vergangenen Herbst vereinbart. Vor dem Treffen mit Josef Sigg hat er sich einige Details aus dessen Biografie geben lassen und im Netz recherchiert, beispielsweise im Landesarchiv Baden-Württemberg oder bei Google Maps.

Dabei ist er auch auf den traditionellen Eulogiusritt gestoßen, eine bis heute jährlich in Josef Siggs Heimatgemeinde stattfindende Reitprozession zu Ehren des Namenspatrons der Pfarrkirche. Und eine Veranstaltung, die den Senior sehr bewegt. Er schaut lange auf die Fotos, die Lars Zachowski im Internet gefunden hat. Dann erzählt er: „Das war immer ein wunderbares Bild, wenn die Reiter mit den Pferden und der Musik den Hügel herunterkamen. Wenn sie abstiegen und zum Gottesdienst in die Kirche gingen, durften wir Kinder die Pferde halten und bekamen ein kleines Taschengeld.“ Dann fällt ihm noch ein Detail ein: „Der Pastor ritt immer mit.“

Lang ist’s her, doch Josef Sigg hat die Ereignisse aus seiner Kindheit und Jugend noch sehr präsent. Jeden Morgen musste er zwei Kilometer zu Fuß zur Volksschule gehen: „Da gab’s keinen Schulbus. Schlimm war der Winter, wenn der Schnee anderthalb Meter hoch lag.“ Später lernte er am Niederrhein seine Frau kennen, die vor einiger Zeit verstorben ist. Eine der beiden Töchter wohnt in Mönchengladbach. Seine Eltern und sein drei Jahre älterer Bruder leben nicht mehr, der kleine Bauernhof ist längst verkauft. Umso mehr freut sich der 85-Jährige über die virtuelle Erinnerungsreise.

Froh ist auch Lars Zachowski, und das nicht nur, weil ihm Bernadette Engel zum Dank Josef Siggs Lieblingskuchen überreicht, einen Kirschkuchen mit einem Schuss Cognac. Künftig will der 51-Jährige einmal im Quartal einem Bewohner des Caritaszentrums Rheydt mit Hilfe der digitalen Medien eine Erinnerungsreise ermöglichen. Einrichtungsleiterin Eveline Hensen ist dankbar für dieses ehrenamtliche Engagement: „Gerade für demenziell veränderte Menschen ist die Erinnerungspflege ganz wichtig. Und mit Hilfe des Internets können sie sich an Dinge erinnern, die sonst verloren wären“, sagt sie. Das passt zur Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes unter dem Motto „Sozial braucht digital“.

Josef Sigg hat einen spannenden Nachmittag erlebt. „Es ist wunderbar, dass man solche Sachen sehen kann“, schwärmt der 85-Jährige und wirft einen letzten Blick auf das per Satellit eingefangene Bild von dem kleinen Hof, in dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hat.

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